Ausg. II´16: Wir säen was, was ihr nicht seht - Der Streit um neue Züchtungsmethoden: Was ist eigentlich Gentechnik?

Im Umfeld der Grünen Gentechniker ist Vorfreude ausgebrochen. Worte wie „Meilenstein“ oder gar „Revolution“ fallen, wenn es um die neu entwickelten technischen Verfahren geht, mit denen die Agrarindustrie hofft, im großen Stil und mit chirurgischer Präzision das Erbgut von Pflanzen zu modifizieren. Die Ablehnung von Gentechnik bei EU-Bürgerinnen und -Bürger liegt in Umfragen seit Jahren jedoch bei 70-80 Prozent.

Dem Eifer der Agrarindustrie, ihre neuen Produkte auch hierzulande auf den Markt zu bringen, am liebsten ohne Sicherheitsprüfung und Kennzeichnungspflicht, tut das keinen Abbruch. Es droht der Einzug von Gentechnik durch die Hintertür.

Infografik der NZZDenn die Diskussion um die „neuen Züchtungstechniken“ hat, beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit, längst auch schon die politische Ebene in Brüssel erreicht. Der EU liegen bereits mehrere Zulassungsanträge für Patente auf Nahrungs- und Futtermittelpflanzen vor. Die anmeldenden Konzerne sind bspw. die US-Unternehmen DuPont und Dow Agrosciences, aber auch deutsche Firmen wie Bayer setzen auf die Designerpflanzen. Eine Entscheidung wird noch für 2016 erwartet. Und so nimmt der argumentative Kampf zwischen Bio-, Umweltschutz- und Verbraucherverbänden auf der einen Seite und Industriekonzernen und Patentanmeldern auf der anderen, Fahrt auf. Die zentrale Frage, für deren Beantwortung sie den Entscheidern in Brüssel Argumente liefern müssen: Sollen die neuen Züchtungstechniken als Gentechnik eingestuft werden?

Die Dinge beim Namen nennen

In ihrem Vorgehen unterscheiden sich die entwickelten Techniken teils stark. Gleicht die Cisgentechnik in ihrem Prozess im weitesten Sinn der klassischen Grünen Gentechnik, werden bspw. bei der CRISPR-Methode Genabschnitte synthetisch nachgebaut und mittels Eiweißmolekülen die sogenannte „DNA-Schere“ angesetzt. „Genome Editing“ wiederum ist ein Verfahren, mit dem sich die Pflanzen-DNA auf molekularer Ebene „umschreiben“ lässt, ähnlich wie bei einem Computerprogramm. Doch bei allen Unterschieden ist die eine Gemeinsamkeit aller unter „neue Züchtungstechniken“ zusammengefasster Methoden: Gene werden künstlich verändert.


Warum, so müsste die Frage also eher lauten, sollten die neuen Züchtungstechniken nicht nach dem Gentechnik-Gesetz behandelt werden? Das Hauptargument der Industrie ist, dass es noch kein Verfahren gebe, den DNA-Eingriff in ihren Produkten nachträglich nachzuweisen. „Den Zweifel an der Gültigkeitsdauer einer solchen Aussage außer Acht gelassen, zielt die Frage »Gen-Technik oder nicht?« doch eindeutig auf den Herstellungsprozess, also den unleugbaren Eingriff ins Erbgut ab“, hält die Ökologin Kirsten Arp vom Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) e.V. dagegen. „Die Argumentation der Gentech-Konzerne ist gelinde gesagt abenteuerlich“. Der Bio-Fachverband hatte früh ein erstes Positionspapier mit klaren Forderungen angefertigt.

Ein Angriff auf die Wahlfreiheit

Die Folge, würden die neuen Techniken nicht nach dem Gentechnik-Gesetz behandelt und die Designerprodukte von einer Kennzeichnungspflicht ausgenommen, wäre ein entscheidender Informationsverlust, der Wahlfreiheit unmöglich machen würde. Das gilt für ganze Geschäftsmodelle bis hin zu Wirtschaftszweigen, wie der exemplarische Blick auf die Biobranche zeigt. „Ohne Kennzeichnung wird nicht transparent, was auf dem Acker, im Futtertrog, im Lebensmittelladen oder auf dem Teller landet“, erklärt die Geschäftsführerin des BNN, Elke Röder. „Landwirte, Verarbeiter und Händler würden ihrer Wahlfreiheit beraubt“. Das gleiche gilt in der Folge zwangsläufig für alle Verbraucherinnen und Verbraucher.

Infografik des Informationsdienst GentechnikDen Akteuren der biologischen Lebensmittelwirtschaft ist Gentechnikfreiheit ein wichtiges Anliegen. Der Ökologische Landbau verzichtet konsequent auf den Einsatz gentechnisch veränderten Saatgutes und ebensolcher Futtermittel. Die zur BIOFACH 2016 verkündeten Umsatzdaten bestätigten, dass die nachhaltig arbeitende biologische Lebensmittelwirtschaft auch bei den Verbrauchern beliebter denn je ist. Selbst das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) attestiert mit dem aktuellen Ökobarometer, Gentechnikfreiheit einen hohen Stellenwert: 81 Prozent der Befragten greifen beim Einkauf zu Biolebensmitteln, aufgrund der „Sicherheit, gentechnikfreie Lebensmittel zu erhalten“.

Eine eindeutig zweideutige Haltung

2013 hieß es daher im Koalitionsvortrag zwischen CDU/CSU und SPD noch, dass die Bedenken der Mehrheit der Bevölkerung gegenüber der Grünen Gentechnik ernst genommen würden. „Wir treten für eine EU-Kennzeichnungspflicht für Produkte von Tieren, die mit genveränderten Pflanzen gefüttert wurden, ein. An der Nulltoleranz gegenüber nicht zugelassenen gentechnisch veränderten Bestandteilen in Lebensmitteln halten wir fest – ebenso wie an der Saatgutreinheit“, heißt es im Grundlagenpapier der aktuellen Legislaturperiode. Darum ist die Debatte um die Kennzeichnungspflicht zentral.


Dennoch ließ das BMEL bereits mehrfach durchblicken, dass es den neuen Methoden der Gentech-Industrie vor allem aus wirtschaftlichen Gründen nicht abgeneigt sei. Bereits im Oktober 2015 hatte daher das Gen-ethische Netzwerk gemeinsam mit Unterstützern wie dem demeter e.V., dem unabhängigen Testinstitut Testbiotech e.V. und anderen, einen offenen Brief an die Bundesregierung verfasst. Darin heißt es, dass ökonomische Gründe nicht ausschlaggebend sein dürften, um Produkte dieser riskanten und in ihren Langzeitfolgen noch gänzlich unerforschten Technologien ohne die Einordnung als Gentechnik mit den entsprechenden Prüfungs- und Kennzeichnungspflichten zuzulassen. „Umso mehr beunruhigt es, dass die EU-Kommission so lange braucht, um eine rechtliche Einstufung der neuen Techniken vorzulegen“, fasst Kirsten Arp die Sorgen zusammen.