Ausg. III´16: Schaumschläger oder tatsächlich nachhaltig? Wasch- und Putzmittel reinigen oft nur auf Kosten der Umwelt. Das muss nicht sein.

Die Einführung synthetischer Waschmittel in den 1950er Jahren glich einer Revolution. Mit Verbreitung der automatischen Waschmaschine im Privathaushalt und den neuen Mitteln der Chemieindustrie gehörte eine der kraftraubendsten Haushaltsaufgaben der Vergangenheit an. Und nicht nur das Wäschewaschen wurde revolutioniert. Auch petrochemische Putz- und Reinigungsmittel traten ihren Siegeszug an.

Erst ins Wasser, dann in die UmweltDoch bereits 1960 trübte der erste große Aufreger den Glanz, den die chemischen Produkte versprachen. Denn während sie Hose, Heim und Herd zu mehr Sauberkeit verhalfen, fügten sie Gewässern und Lebewesen erheblichen Schaden zu: „Waschmittel. Schaum an der Wasserfront“ überschrieb damals der Spiegel den Umweltskandal, der auch Politik und Gesellschaft erfasste.

Heute sind die Schaumberge, verursacht durch mittlerweile verbotene Phosphate und schwer abbaubare Tenside, weitestgehend verschwunden. Die Reinheitsversprechen der Industrie blieben auf neue Rezepturen bauend jedoch ungebrochen. Doch wie umweltfreundlich sind die neuen Zutatenlisten industrieller Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel (WPR)? Immer wieder wird Kritik laut, dass die Stoffe, die mit den Abwässern wieder in die natürlichen Kreisläufe zurückfließen, Gewässer und Böden belasten und sich auch auf die Biodiversität negativ auswirken. Und häufig sind gerade die Waschmittel, die den grünsten Glanz versprechen, alles andere als nachhaltig, da sie auf das Auslaufmodel „fossile Rohstoffe“ setzen. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen.

Enzyme – der Putzteufel im Detail

Neben erdölbasierten Tensiden, die mitunter nur schwer biologisch abbaubar sind, finden seit den 1960er Jahren insbesondere Enzyme wie Proteasen, Amylasen und Lipasen bei der Herstellung von konventionellen Wasch- und Putzmitteln Verwendung. Sie reinigen, indem sie Stärke-, Fett- und Eiweißflecken „spalten“ und begnügen sich dabei mit niedrigen Waschtemperaturen. Das Prinzip ist dabei nicht neu. Natürliche Enzyme wirken bereits in uralten Hausmitteln wie Gallseife. Doch der Teufel steckt im Detail: Was Umwelt- und Verbraucherschützer am Einsatz von Enzymen besonders beunruhigt ist, dass in modernen Industriewaschmitteln und –reinigern fast ausschließlich Enzyme stecken, die aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen gewonnen werden.



Milliardenmarkt WPRDabei wird bspw. der DNA eines schnell wachsenden Pilzes eine bestimmte „Erbinformation“ eines anderen Lebewesens hinzugefügt, z. B. die Anlage für ein Eiweiß spaltendes Enzym. In bis zu zehn Meter breiten Tanks wird der gentechnisch veränderte Pilz kultiviert und das gewünschte Enzym isoliert und aufbereitet. Sorgen bereiten im Anschluss sowohl die Enzyme, die im Verdacht stehen Allergien auszulösen, als auch die Mikroorganismen, die bspw. über Abwässer oder Entsorgung der Tanks als Klärschlamm in die Umwelt gelangen. Es gibt keine Langzeitforschungen, die Auskunft über mögliche Übertragungen der veränderten Erbanlagen auf natürliche, in Boden, Pflanze, Tier und Mensch vorkommende Mikroorganismen geben.

Das Biosiegel und der blinde Fleck

In Zeiten gestiegenen Verbraucherbewusstseins betonen alle großen Markenhersteller von WPR-Artikeln neben den Reinigungsleistungen zugleich ihre umweltbewusste Seite. Doch wie glaubwürdig ist die Bewerbung von ein bis zwei pflanzlichen Inhaltsstoffen, wenn der Rest der Zutatenliste nicht vollständig deklariert werden muss? Vertrauen schaffen in solchen Fällen normalerweise Siegel, wie das mittlerweile aus keiner Einkaufsstätte wegzudenkende grüne EU-Biosiegel. Doch überaschenderweise, deckt die EU-Öko-Verordnung, die den europäischen Biostandard definiert, den WPR-Bereich nicht ab. Für Cornelia Dressler, pharmazeutisch-technische Assistentin und Diplom-Ökotrophologin, vom Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) e.V. Anlass, mit einer eigenen Richtlinie nachzubessern.

Die Fachhändler für Naturkost und Naturwaren verpflichten sich zu den sogenannten Sortimentsrichtlinien, deren neuester Teil die Wasch-, Putz-, Reinigungs-Richtlinie ist, um ihren Kunden eine Bio-Garantie über ihr Angebot zu geben. „Auch meine Kunden kommen in unseren Bioladen mit Produkten, die klangvolle Namen wie z.B. „Denk Nach“ „Pro Erde“ oder „Lurch“ tragen, die sie zuvor im Drogerie- oder Supermarkt mit dem Gefühl gekauft haben, Bio-Reinigungsmittel erstanden zu haben“, erzählt Jürgen Opper, Naturkostfachhändler, der an der Entwicklung der Richtlinie für ökologische Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel mitgewirkt hat. „Mit Einhaltung der neuen Richtlinie bieten wir und die anderen Einzelhändler im BNN ihren Kunden nun echte Orientierung, wo die Gesetzgebung leider noch einen blinden Fleck aufweist“, so Opper weiter.


Die vier anerkannten Standards der BNN-Richtlinie für WPRZugleich wolle man mit der Richtlinie „Prozesse anstoßen und Produktinnovationen fördern“, ergänzt Dressler. „Mit der richtigen Balance zwischen ökologischen Zutaten und Verbraucheraufklärung lässt sich auch im WPR-Bereich echte Nachhaltigkeit realisieren“. In Zusammenarbeit mit vier unabhängigen Zertifizierern, die bereits heute hohe Standards an Reinigungsprodukte legen, ist das langfristige Ziel, den Einsatz gentechnischer Verfahren im gesamten Herstellungsprozess auszuschließen. Zudem sollen bis 2018 die wenigen, aktuell bei den genannten Standardgebern zugelassenen, petrochemischen Inhaltsstoffe ausnahmslos ersetzt werden. Es soll ein deutlich höherer Einsatz von Zutaten aus kontrolliert ökologischem Anbau gewährleistet werden. Der Ausschluss von Mikroplastikpartikeln gehört bereits jetzt zur neuen Maßgabe.

„Dass alles sind entscheidende Schritte, um die berechtigten Ansprüche von Kundinnen und Kunden an den Naturkost-Fachhandel zu erfüllen“, so Dressler. „Sie sind aber auch notwendig, um ähnliche Umweltszenarien wie in den sechziger Jahren nachhaltig zu vermeiden“.