Ausg. IV ´16: Monopoly – die Saatgut-Edition. Konzerne wollen die Macht über unsere Nahrung. Doch längst nicht alle spielen da mit.

Saatgut ist KulturgutEs ist das Spiel des Kapitalismus: Monopoly. Parker Brothers vertreibt es in verschiedenen Varianten: Junior, Banking, World und Imperium sind nur eine Auswahl. Die Vorlage für eine weitere mögliche Edition bietet sich gerade im Umfeld der globalen Landwirtschaft.

Aktuellster Spielzug: die Übernahme des US-Agrarriesen Monsanto durch den deutschen Chemie- und Pharmakonzern Bayer. Gleichzeitig lobbyieren die „Spieler“ der Agrarindustrie für neue Gentechnikverfahren, Patentrechte auf Leben und die Zulassungsverlängerung des Breitbandherbizids Glyphosat. Bioverbände sind nicht bereit bei dieser Monopoly-Praxis mitzuspielen und kämpfen für andere Spielregeln.

Ziel des klassischen Monopoly „… ist es, ein Grundstücksimperium aufzubauen und alle anderen Mitspieler in die Insolvenz zu treiben. Dazu erwirbt man möglichst viele Besitzrechte“, heißt es auf der Wikipedia-Seite zum Spiel. Ersetzt man „Grundstück“ durch „Züchtung“ kommt man modernen Marktverhältnissen bereits sehr nah. Zugleich die Pestizidproduktion, die Herstellung passender Gentechnikpflanzen und die Patentierung der eigenen Züchtung – sei das Saatgut, Pflanze oder Tier – in den Händen zu halten, ist, als besäße man bei Monopoly komplette Straßenzüge oder alle vier Bahnhöfe. Bleibt die Frage, ob es auch ein geeignetes Modell zur Sicherung unserer Ernährungsgrundlagen ist. Denn beim Parker-Spiel gibt es am Ende fast nur Verlierer.

Saatgut ist Kulturgut

Top 10 des Saatgutmarktes„Es ist erschreckend mit welcher Geschwindigkeit Bäuerinnen und Bauern in den vergangenen Jahren abhängig vom Saatgut einiger weniger Großkonzerne geworden sind. Selbst der Biobereich sieht sich von dieser Marktmacht der Industrie bedroht“, erläutert Kirsten Arp, Pestizid- und Saatgut-Expertin beim Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) e.V. Sie leitet im BNN das Monitoring für Obst und Gemüse, dessen Teilnehmer 2015 zusammen mit der Software-AG-Stiftung die Fördersumme von 470.000 Euro für eine unabhängige ökologische Gemüsezüchtung aufgebracht haben. Gefördert werden über fünf Jahre insgesamt 37 bereits laufende Projekte, um den Ausbau des Angebots an ökologischen, samenfesten Sorten voranzutreiben.

Wie wichtig gerade die Aspekte unabhängig und samenfest sind, wird deutlich wenn man sich die Marktverhältnisse anschaut. Die Studie „Concentration of Marketpower in the EU-Seedmarket“, in Auftrag gegeben 2014 von den Europäischen Grünen (EFA), zeigt wie weit die Konzentration auf wenige Sorten und noch weniger Anbieter bereits fortgeschritten ist. Danach teilen sich lediglich noch fünf Großkonzerne 95 % des europäischen Saatgutmarktes für Gemüse. Ein Großteil ihres Angebots sind Hybridsamen, sozusagen Einmal-Samen, die die Landwirte jedes Jahr neu einkaufen müssen, wollen Sie zumindest ein wenig Planungssicherheit über ihre Erträge bekommen. Zunehmend erweitern die Industriekonzerne ihr Sortiment um gentechnisch verändertes Saatgut, das sie beim Europäischen Patentamt (EPA) anmelden, um jegliche Möglichkeit des Nachbaus auch juristisch unterbinden zu können.

Konzern- oder Naturerfindung?Ein Gegenmodell bieten Zusammenschlüsse wie der Kultursaat e.V. oder der saat:gut e.V., die auch Empfänger der von Arp koordinierten Förderinitiative sind. Hier gilt Saatgut als Kulturgut und dessen Vermehrung als gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe. Eine Monopoly-Edition Saatgut ist mit ihrem Ansatz unvereinbar. „Basis unserer Arbeit ist langjährige Erhaltungszucht, also wiederholter Anbau auf Grundlage des biologisch-dynamischen Landbaus. So bleiben die Sorten im kontinuierlichen, naturgegebenen Strom von Keimen, Wachsen, Fruchten und Vergehen“, erklärt Michael Fleck, Geschäftsführer des seit 1985 aktiven Kultursaat e.V. Der ganz praktische Vorteil gegenüber der industriellen Hybridzucht sei nicht nur, dass jeder Interessierte die samenfesten Sorten vermehren könne. „Die Pflanzen passen sich ja in gewissem Rahmen an die Verhältnisse an und über Generationen stellen sie sich auf ihre jeweilige Umgebung ein. Und dank der sich permanent ändernden Lebensbedingungen können sie so auch widerstandsfähiger werden“.

Verlorene Vielfalt zurückgewinnen

Aber nicht nur auf dem Gebiet samenfesten Saatgutes, arbeitet die Naturkostbranche an Alternativen, um dem fortschreitenden Verfall der Vielfalt zu begegnen. Wie die Erklärung von Bern (EvB) bereits 2011 formuliert, ist alles, „was früher im Sinne einer Kreislaufwirtschaft auf dem Hof produziert wurde – Saatgut, Jungtiere, Futtermittel, Dünger – (…) heute eine industrialisierte und globalisierte «Wertschöpfungskette»“. Gerade jedoch, wenn es um Viehzucht und –Haltung geht, zeigen verschiedenste Umfragen der vergangenen Jahre, eine Sensibilisierung der Verbraucher, die die Folgen des Systems der industriellen Massentierhaltung nicht mehr tolerieren wollen.

Konzentration auf dem globalen SaatgutmarktEine besonders breite Debatte entspann sich durch das Bekanntwerden von allein in Deutschland jährlich getöteten ca. 50 Millionen Küken. Eine ökonomische Konsequenz der in der Geflügelzucht besonders weit fortgeschrittenen Konzentration auf wenige Zuchtrassen. Die Konzerne sind zumeist die gleichen, die auch beim Saatgut mitmischen und auch bei der Tierzucht setzen sie auf Genetik, Hybride und Patente. Die EvB hält fest, dass sich zwischen 1989 und 2006 „(…) die Lieferantenanzahl für Geflügel-Genetik weltweit im Bereich Masthühnchen von elf auf vier Unternehmen und im Bereich Legehennen von zehn auf drei Unternehmen“ reduziert hat.

Im Biobereich gibt es seit einigen Jahren Initiativen, wie ei-care oder die Bruderhahninitiative, die auch den männlichen Küken wieder zu Wert verhelfen. Bei ei-care wird mit einer Zweinutzungsrasse gearbeitet, die zwar weniger Eier liefert, dafür aber auch fleischlich verwertbar ist. Die Bruderhahninitiative löst das Tötungsproblem, indem sie ihren Eiern „4 Cent für die Ethik“ aufschlägt. Mit diesen wird die Aufzucht der Bruderküken finanziert. Um die Abhängigkeit von wenigen Zuchtkonzernen grundsätzlich und langfristig zu verkleinern, gründeten die Bioverbände Demeter und Bioland im März 2015 die gemeinnützige Ökologische Tierzucht (ÖTZ) gGmbH. Ziel ist die züchterische Weiterentwicklung von Tieren speziell für die Bedürfnisse und Anforderungen des Bio-Landbaus. Begonnen wurde mit der Entwicklung einer ökologischen Hühnerrasse.

„Es ist eine Herkulesaufgabe. Denn auf kaum einem anderen Gebiet der Tierzucht ist die Notwendigkeit für einen Paradigmenwechsel hin zu mehr Artgerechtheit derart deutlich wie bei Geflügel“, gewährt Inga Günther, Geschäftsführerin der ÖTZ, einen Einblick. Doch sei gerade hier durch die Entwicklung in den letzten 60 Jahren und das Überlassen der Züchtung in die konventionellen Strukturen viel know how verloren gegangen. Umso wichtiger sieht Günther daher auch bei der Tierzucht den Schulterschluss der Bioakteure: „Die Branche muss gemeinsam für diese Ideale "Qualität von Anfang an" eintreten, wenn sie dauerhaft mit authentischen Werten punkten und Spielregeln ändern will“.

Im Sinne des Erfinders

Eine Monopolyvariante mit anderen Spielregeln war ursprünglich auch von Elizabeth „Lizzie“ Magie, die das Spiel 1904 unter dem Namen The Landlord’s Game patentieren ließ, angedacht. Bei der zweiten Version nahm sie Ideen des Sozialreformers Henry George in die Spielregeln auf. Grundeigentum und Bodenspekulation entfielen. Auch bei den Alternativmodellen der ökologischen Saatgut- und Tierzucht geht es darum als Gemeinschaft wieder die Ressourcen in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht die Beherrschung eines Marktes ist das Ziel für die Spieler, sondern die nachhaltige Bewahrung und Entwicklung der gemeinsamen Grundlagen. Zumindest bei Elisabeth Magies Alternativspiel war der Effekt, dass alle Spieler am Gewinn teil hatten.