9.3.2016 - „Brüssel läuft Gefahr, von der Gentech-Industrie ausgetrickst zu werden“ - Neue gentechnische Verfahren: Wölfe im Schafspelz

Über 80 Prozent der europäischen Verbraucher wollen keine Gentechnik im Essen. Im Großen und Ganzen wurde dies bislang durch das europäische Gentechnik-Gesetz gesichert, das Zulassungsverfahren mit Risikoprüfung und Kennzeichnungs- bzw. Koexistenzregelungen vorschreibt.

Mit der Wahlfreiheit der Verbraucher könnte es aber schon sehr bald vorbei sein, denn die Gentech-Industrie hat mehrere Verfahren entwickelt, die angeblich nicht unter die europäische Gesetzgebung fallen. Eine List, die unabsehbare Konsequenzen nach sich ziehen könnte, so interpretiert es auch der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) e.V.

„Die Argumentation der Gentech-Konzerne ist gelinde gesagt abenteuerlich. Umso mehr beunruhigt es uns, dass die EU-Kommission so lange braucht, um eine rechtliche Einstufung der neuen Techniken vorzulegen“, kommentiert Kirsten Arp vom BNN. Die studierte Ökologin hat sich mit den neuen Züchtungstechniken auseinandergesetzt: „Den meisten Techniken ist gemein, dass im Endprodukt der Züchtung derzeit keine gentechnische Manipulation nachgewiesen werden kann. Bei der gängigen Gentechnik ist das möglich. Knackpunkt ist aber, dass die neuen Verfahren allesamt Gentechnik nutzen. Brüssel läuft Gefahr, sich durch diese Argumentation austricksen zu lassen“, so Arp weiter.

Die neuen gentechnischen Verfahren heißen CRISPR-Cas, Meganukleasen oder Oligonukleotid-gerichtete Mutagenese (ODM). Gleich bleiben jedoch die Versprechen der Gentech-Konzerne, die schon für die klassischen Gentech-Verfahren gemacht wurden: So sollten die Ernährungsprobleme der Menschheit durch trockenheits- und schädlingsresistente Sorten gelöst werden. Auf dem Markt finden sich aber ausschließlich herbizid-resistente und Insektizide produzierende Sorten mit ihren zugehörigen Problemen wie bspw. Superunkräutern.

„Sollte Brüssel die neuen Züchtungstechnologien nicht als Gentechnik einstufen, wird eine Grenze überschritten. Verbraucher, Landwirte, Verarbeiter und Händler würden ihrer Wahlfreiheit beraubt“, warnt Elke Röder, Geschäftsführerin des BNN. „Wenn sich die EU-Kommission auf die Argumentation der Konzerne einlässt, werden Saatgut und Produkte nicht gekennzeichnet. Ohne Kennzeichnung wird aber nicht transparent, was auf dem Acker, im Futtertrog, im Lebensmittelladen oder auf dem Teller landet. Transparenz bedeutet nichts anderes als die Freiheit zu haben, gentechnikfreie Produkte zu wählen. Diese Transparenz – diese Freiheit muss erhalten bleiben!“, so Röder weiter.

Der BNN hat sich bereits im Oktober 2015 in einem Positionspapier klar gegen die neuen Gentechniken gestellt. Eine rechtliche Einstufung durch die EU-Kommission wird bis Sommer 2016 erwartet.

Infografiken zur Illustration der komplexen Verfahren finden Sie hier und hier.