Wie Verbraucher*innen Bio-Lebensmittel und den Nutri-Score wahrnehmen

Seit gut einem Jahr ist auch in Deutschland der Nutri-Score als erweiterte Nährwertkennzeichnung auf vielen verarbeiteten Lebensmitteln zu finden. Auf Produkten im Naturkostfachhandel suchen ihn Verbraucher*innen bisher jedoch meist vergeblich. Denn besonders für Bio-Produzent*innen ist der Algorithmus des Scores ein Hinderungsgrund.

Wie aber stehen die Konsument*innen von Bio-Produkten zur neuen Kennzeichnung und der Verwendung auf Bio-Produkten?

Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigen wir uns im Rahmen des Projekts ReformBIO (Entwicklung von Reformulierungsstrategien für Bio-Lebensmittel) und haben dazu eine Verbraucherbefragung durchgeführt.

Abb. 1: Potenzialanalyse von Bio-Lebensmitteln

Bio wird als gesünder wahrgenommen

Eines der Ergebnisse der repräsentativen Online-Befragung zur Gesundheitswahrnehmung von Bio-Lebensmitteln in Kombination mit dem Nutri-Score zeigt, dass Bio-Lebensmittel von knapp Zweidrittel der Befragten als gesünder im Vergleich zu konventionellen Lebensmitteln eingeschätzt werden. In der Potenzialanalyse wird deutlich, welche Aspekte die Bio-Branche aus Sicht der Verbraucher*innen bereits gut erfüllt und in welchen Bereichen noch Potenzial zur Stärkung des Images vorhanden ist. So lässt sich hieraus ableiten, dass Bio-Hersteller*innen insbesondere durch einen geringeren Fettgehalt und einen höheren Ballaststoffgehalt das ‚gesunde Image‘ von Bio-Lebensmitteln weiter stärken können (siehe Abb.1).

Preis und Gesundheitsimage

Die Bereitschaft einen höheren Preis für Bio-Lebensmittel zu bezahlen, ist eng mit dem Gesundheitsimage von Bio-Produkten verbunden. Dies wird umso deutlicher, sobald der Nutri-Score mit in die Kaufentscheidung einfließt.

In der Studie stufen lediglich 30 bis 35 Prozent der Proband*innen den Preis für Bio-Lebensmittel als angemessen ein (siehe Abb. 2). Sollten Bio-Lebensmittel in der Nutri-Score-Skala schlechter abschneiden, geben über 50 Prozent der Proband*innen an, dass das Bio-Produkt seinen höheren Preis nicht mehr wert ist. Dies zeigt sich auch mit Blick auf die Käufergruppen und ihre Bio-Kaufintensität.

Jeweils die Hälfte der Bio-Intensivkäufer*innen und auch der Bio-Gelegenheitskäufer*innen bestätigen diese Einschätzung. Der Anteil bei denjenigen, die nur selten zu Bio-Produkten greifen, liegt mit knapp 60 Prozent noch höher.

Sollten Bio-Lebensmittel beim Nutri-Score identisch oder schlechter abschneiden als konventionelle Lebensmittel, dann würden 20 bis 25 Prozent der Proband*innen keine Bio-Lebensmittel mehr kaufen. Für die Bio-Produzent*innen und den Naturkostfachhandel ist daher bedeutsam, dass Bio-Lebensmittel in der Nutri-Score-Bewertung mit konventionellen Lebensmitteln mindestens gleichauf sind, im Idealfall jedoch besser abschneiden. Ein schlechterer Nutri-Score bei Bio-Lebensmitteln widerspräche ansonsten dem ‚gesunden Image‘ und der Erwartung der Verbraucher*innen.

Abb. 2: Bio-Label: Preisfairness

Wechselverhalten der Bio-Käufer*innen

In der Abbildung 3 ist das Wechselverhalten von Bio-Käufer*innen (konventionelles Produkt statt Bio-Produkt) anhand von Beispielprodukten (Joghurt, Müsli, Cookies) zu erkennen. Die Ergebnisse zeigen, dass weniger Konsument*innen zum Bio-Produkt greifen, wenn beim Nutri-Score das konventionelle Produkt eine bessere Bewertung hat. Dieses Wechselverhalten könnte an der weniger starken Gesundheitswahrnehmung oder Natürlichkeit verknüpft mit dem Anspruch an die Bio-Qualität der jeweiligen Produkte liegen.

Abb. 3: Wechselverhalten von Bio-Käufer*innen

Wie die Umfrage zeigt, findet die Kritik an der fehlenden Berücksichtigung möglicher negativer Gesundheitsfolgen von Zusatzstoffen, Süßstoffen, Geschmacksverstärkern und Aromen auch bei Verbraucher*innen große Zustimmung.

Lediglich 20 Prozent der Befragten sehen Bio durch den Nutri-Score als benachteiligt an. „Eine starke Kommunikation der Bio-Branche ist der einzige Schlüssel, um Verbraucher*innen die Grenzen des Nutri-Scores und gleichzeitig die Vorteile von Bio-Produkten verständlich zu machen“, so eine zentrale Aussage aus der BNN-AG Reformulierung & Nutri-Score mit Hersteller- und Handelsunternehmen sowie Projektbeteiligten zur Diskussion der Ergebnisse der Verbraucherbefragung. Die Teilnehmer*innen betonten, dass die Diskussion um weitere Labels nicht zu einem Verlust der Aussagekraft des Bio-Siegels führen dürfe.

Autor*innen: Dr. Kristin Jürkenbeck (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl „Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte“ der Georg-August-Universität Göttingen) und Dorothea Schmidt (Referentin Qualitätsarbeit beim BNN, Koordinatorin im Projekt ReformBIO).

Die vollständige Befragung können Sie unter diesem Link aufrufen.

 

Über ReformBIO:

Innerhalb des Projekts ReformBio werden Reformulierungsstrategien für Bio-Lebensmittel entwickelt - angepasst an die Vorgaben der EU-Öko-VO und die Verbandsvorschriften der Bio-Branche. Am Beispiel von vier Produktgruppen (Knuspermüsli, Fruchtjoghurt, Cookies und Erfrischungsgetränken) wird insbesondere die Zuckerreduktion untersucht. Projektbeteiligte sind die Hochschule Bremerhaven, die Georg-August Universität Göttingen und der BNN.

Das Projekt wird gefördert von:

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Bundesverband Naturkost Naturwaren zum Nutri-Score: Gut gemeint, schlecht gemacht

Der Nutri-Score benachteiligt Bio-Lebensmittel erheblich. Unter anderem weil hohe Ballaststoffgehalte vom aktuellen Algorithmus nicht ausreichend honoriert und nicht alle hochwertigen Pflanzenöle berücksichtigt werden sowie der ernährungsphysiologisch relevante Verarbeitungsgrad bzw. der Einsatz von Zusatz- und Ersatzstoffen nicht abgebildet wird. Die Mitglieder des BNN fordern daher im Positionspapier zum Nutri-Score und in einer Stellungnahme an das Wissenschaftliche Gremium der COEN (Countries Officially Engaged in Nutri-Score) die Nachbesserung in diesen Bereichen. Hier finden Sie weitere Informationen dazu.