28. Juli 2025 • Aktuelles • BNN-News • Themen für den Einzelhandel

Wie TikTok die Ernährungstrends der Gen Z prägt und welche Chancen daraus für den Naturkost-Einzelhandel entstehen. Von Fibermaxxing bis Pickle-Popcorn: So wird Trendwissen zum Sortimentsvorteil.
TikTok hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der einflussreichsten Treiber kulinarischer Trends entwickelt – insbesondere für die Generation Z. Die Plattform ist heute nicht mehr nur ein Ort der Unterhaltung, sondern ein mächtiger Lifestyle-Kompass und Trendmotor. Essen wird dort nicht nur konsumiert, sondern zelebriert, kreativ interpretiert und visuell inszeniert. Für den Einzelhandel eröffnet sich dadurch ein weites Feld an Möglichkeiten: Wer diese Entwicklungen früh erkennt und authentisch ins eigene Sortiment übersetzt, kann gezielt jüngere Zielgruppen erreichen, mit Angeboten, die zugleich inspirierten Genuss und funktionalen Mehrwert bieten.
Ein aktuell besonders spannender Trend ist das sogenannte „Fibermaxxing“. Was zunächst wie ein weiterer viraler Social-Media-Hype klingt, ist in Wahrheit eine fundierte Reaktion auf ein reales Ernährungsdefizit: Viele Menschen, insbesondere junge Erwachsene, nehmen zu wenig Ballaststoffe zu sich. Unter dem Hashtag #Fibermaxxing versammelt sich auf TikTok eine Community, die gezielt Lebensmittel in den Alltag integriert, die eine gesunde Verdauung fördern, für ein langes Sättigungsgefühl sorgen und den Blutzuckerspiegel stabil halten. Die Favoriten: Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Samen, Nüsse, Beeren und ballaststoffreiches Gemüse.
In Deutschland liegt die empfohlene Ballaststoffzufuhr laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung bei mindestens 30 Gramm pro Tag. Tatsächlich konsumieren viele jedoch nur 18 bis 19 Gramm (Quelle: DGE 2022). Genau hier setzt Fibermaxxing an: Es adressiert nicht nur eine Lücke, sondern schafft zugleich ein positives Gesundheitsnarrativ, dass vor allem für die Gen Z hohe Relevanz besitzt.
Für Fachhändler*innen und Hersteller im Naturkostbereich bietet der Trend vielfältige Anknüpfungspunkte: von innovativen Produktentwicklungen mit Leinsamen oder Linsen über gezielte Kommunikationskampagnen rund um Darmgesundheit bis hin zu kreativen Aktionswochen im Laden. Auch Social-Media-Kanäle können genutzt werden, um Trendbegriffe wie Fibermaxxing aufzugreifen und jüngere Zielgruppen Z.B. Studierende niederschwellig und aufmerksamkeitsstark anzusprechen.
Doch Fibermaxxing ist bei Weitem nicht der einzige Impuls aus der Social-Media-Welt, der aktuell Einfluss auf das Ernährungsverhalten junger Konsument*innen nimmt.
Auch Trends wie „WaterTok“ zeigen, wie stark sich gesunde Routinen mit unterhaltsamer Inszenierung verbinden lassen. Hierbei geht es um das geschmackliche Aufwerten von Wasser mit zuckerfreien Sirups, gefrorenen Früchten, Kräutern oder Superfood-Pulvern, oft in aufwendig dekorierten Trinkflaschen, die gleichzeitig als Lifestyle-Accessoire fungieren. Für den Handel bietet sich an, im Sommer DIY-Stationen mit aromatisierten Zutaten einzurichten, Infused-Water-Kits anzubieten oder thematische Social-Media-Aktionen zu starten, etwa unter dem Motto „Stay hydrated“.
Ebenfalls hoch im Kurs steht derzeit „Cottage Cheese Ice Cream“. Ein Trend, der auf den ersten Blick kurios anmutet, sich aber in den Feeds junger Food-Creator*innen fest etabliert hat. Der Clou: Körniger Frischkäse wird mit Banane, Beeren oder Nussbutter gemixt und ergibt eine cremige, proteinreiche Eis-Alternative, ganz ohne Industriezucker. Für den BioFachhandel bedeutet das: Cottage Cheese kann neu positioniert und um kreative Rezeptideen ergänzt werden. Ergänzend könnten Ready-to-blend-Tiefkühlmischungen oder High-Protein-Eisvarianten das Sortiment sinnvoll erweitern.
Auch Gewürzgurken erleben derzeit eine unerwartete Renaissance. Unter Begriffen wie „PickleMartini“ oder „Pickle-Popcorn“ entstehen verrückte, aber aufmerksamkeitsstarke Kombinationen, die Geschmack, Fermentation und visuelle Inszenierung miteinander verbinden. Die Generation Z schätzt solche ungewöhnlichen Geschmackserlebnisse. Nicht zuletzt, weil sie sich perfekt für kreative Selfmade-Videos eignen. Hier könnten Thementheken mit Gurkenchips, Fermentationszubehör und passenden Rezeptideen neue Impulse im Laden setzen. Storytelling rund um Nostalgie, Kultur und Handwerk unterstützt die emotionale Bindung.
Ein weiterer Megatrend in den sozialen Medien ist die Verbindung von gegensätzlichen Geschmäckern: süße, salzige oder scharfe Aromen miteinander kombiniert. Zusammengefasst unter Begriffen wie „swalty“ (sweet & salty) oder „swicy“ (sweet & spicy). Besonders beliebt sind DIY-Snacks mit kulinarischen Einflüssen aus der mexikanischen oder ostasiatischen Küche. Multisensorischen Geschmackserlebnisse sprechen nicht nur die Zunge, sondern auch das Auge an und treffen damit den ästhetischen Anspruch der Gen Z. Hier könnten Einzelhändler kreative Snack-Bundles schnüren oder gezielt mit international inspirierten Mini-Rezepten arbeiten, die zum Ausprobieren einladen.
Last but not least lohnt ein Blick auf die „Protein Coffee Cubes“. Diese Iced-Coffee-Variante kombiniert Kaffee mit Proteinpulver oder Shakes, wird eingefroren und als Würfel in Milch oder Pflanzendrinks serviert. Der Vorteil: hoher Nährwert, coole Optik, schnelle Zubereitung und damit ideal für unterwegs oder das Büro. Auch hier kann der Einzelhandel aktiv werden: mit Starterpaketen aus Bio-Instantkaffee, veganem Proteinpulver und passenden Eiswürfelformen oder mit einem To-go-Angebot im Cafébereich.
TikTok liefert nicht nur Unterhaltung, sondern verlässliche Hinweise auf Ernährungsbedürfnisse, die Gen Z wirklich beschäftigen. Trends wie Fibermaxxing oder WaterTok zeigen: Wer sie früh erkennt und intelligent in Sortiment, Beratung und Kommunikation integriert, kann sich als moderner, relevanter und gesundheitsorientierter Anbieter positionieren.
Gleichzeitig gilt: Nicht jeder algorithmusgetriebene Hype muss mitgemacht werden. Der Blick auf TikTok kann Orientierung geben, doch der Erfolg im Biofachhandel entsteht dort, wo Trends mit Bedacht, Markenwerten und echtem Kundennutzen zusammengeführt werden. Wer sich nur vom nächsten viralen Effekt treiben lässt, läuft Gefahr, Authentizität zu verlieren und die eigene Freiheit, Akzente zu setzen, zu opfern.
Gerade der Fachhandel lebt von Glaubwürdigkeit, Vielfalt und Überzeugungskraft. Deshalb ist es umso wichtiger, neue Impulse bewusst zu prüfen, weiterzudenken und mit der eigenen Haltung zu verknüpfen. So wird aus einem Trend nicht nur ein kurzfristiger Verkaufserfolg, sondern ein nachhaltiger Beitrag zur Ernährungskultur von morgen.