26. November 2025 • Aktuelles • Themen für den Einzelhandel

Der Ernährungsreport 2025 zeigt deutliche Veränderungen im Ernährungsverhalten der Bevölkerung. Welche Implikationen sich daraus für den Bio-Fachhandel ergeben und wo zentrale Chancen liegen, haben wir zusammengefasst.
Wenn man sich durch die vergangenen zehn Jahre des BMLEH Ernährungsreports blättert, liest man wie sich Gewohnheiten verschieben, was Menschen wichtig wird und was sie hinter sich lassen. 2025 zeigt diese Entwicklung ein besonders klares Bild: Deutschland isst bewusster, vielfältiger und zugleich pragmatischer denn je. Die Ernährungswelt ist in Bewegung. Genau in dieser Bewegung liegt eine enorme Chance für Bioläden.
Was sich am wenigsten verändert hat, ist vielleicht das Wichtigste: Essen muss schmecken. 98 % der Menschen sagen das. Geschmack bleibt der Türöffner, was dahinter liegt, die Landschaft hat sich komplett verschoben. Immer mehr Menschen wollen gesund essen, inzwischen 90 % – ein Wert, der zeigt, dass Gesundheit kein Trend, sondern eine Alltagsrealität geworden ist. Gleichzeitig essen wir anders: Der tägliche Fleischkonsum ist in zehn Jahren von 34 % auf 24 % gesunken. Über ein Drittel lebt flexitarisch. Nicht dogmatisch, sondern bewusst. Nicht asketisch, sondern neugierig. Pflanzliche Alternativen gehören einfach dazu. Besonders junge Menschen treiben diese Entwicklung: Für viele von ihnen gehören Tofu, Haferdrinks oder vegane Aufstriche zur Normalität wie früher Butter und Wurst.
Doch während sich diese Ernährungsstile verändern, hat sich auch unser Alltag verdichtet. Obwohl 43 % fast täglich kochen, steigt die Sehnsucht nach schnellen, unkomplizierten Mahlzeiten. Vor allem jüngere Menschen, die zwischen Job, Studium und Freizeit jonglieren. Kochen soll Spaß machen, aber nicht überfordern. Es darf frisch sein, soll inspirieren, aber bitte ohne lange Zutatenlisten oder komplizierte Rezepte. Es ist die Mischung aus Anspruch und Lebensrealität, die das heutige Essverhalten prägt: bewusst, neugierig, genussorientiert und gleichzeitig zeitknapp.
Alles an einem Ort: Bioläden stehen für das, was viele Menschen suchen. Orientierung in einer übervollen, oft unübersichtlichen (Produkt)Welt. Sie stehen für Glaubwürdigkeit und Klarheit, für Lebensmittel, die nicht nur schmecken, sondern eine authentische Geschichte haben: von regionalen Erzeuger*innen, handwerklichen Strukturen, fairer Tierhaltung, ressourcenschonenden Herstellungsweisen.
Der Report zeigt unmissverständlich: Regionalität ist ein Herzensanliegen. 77 % achten beim Einkauf darauf. Bioläden arbeiten mit genau diesen regionalen Partner*innen – oft seit Jahren. Dort, wo andere nur „regional“ draufschreiben, kennen Bioläden die Menschen, die hinter den Produkten stehen. Was nach einem kleinen Unterschied klingt, ist für Kund*innen ein großes Stück Vertrauen.
Gleichzeitig wachsen Themen wie Produkttransparenz, naturnahe Zutaten und niedrige Verarbeitungsgrade. 81 % wünschen sich weniger Zucker in Fertigprodukten, viele möchten weniger Fett oder Salz. Bioläden sind genau dort stark: in Produkten, die ohne Tricks auskommen, weil sie von Natur aus gut sind.
Gleichzeitig zeigt der Report: Preisbewusstsein nimmt zu. Seit 2020 ist der Anteil derer, die beim Einkauf auf günstige Angebote achten, wieder deutlich gestiegen. Die Weltlage, Inflation, damit verbundene Unsicherheiten, all das schlägt sich im Einkaufskorb nieder. Aber es bedeutet nicht, dass Werte verschwinden. Es bedeutet, dass sie überzeugender vermittelt werden müssen. Damit Verbraucher*innen sich noch stärker fragen: Wofür lohnt es sich, mehr zu bezahlen?
Der Bio-Fachhandel hat ein Gegengewicht zu erzählen: Er zeigt, warum Qualität ihren Wert hat. Nicht über Moral, sondern über Beziehung, über Geschichten, die man schmeckt. Über Wissen, das man im Laden bekommt. Über Mitarbeitende, die nicht nur verkaufen, sondern beraten.
Bioläden können heute etwas leisten, was im breiten Handel schwer möglich ist: Sie können komplexe Themen einfach machen. Sie können zeigen, was hinter Siegeln steht, warum kurze Zutatenlisten etwas über handwerkliche Qualität verraten und weshalb „bio“ nicht nur ein Anbauverfahren ist, sondern eine Haltung. In einer Zeit, in der 59 % der Menschen wieder stärker auf Preise achten und gleichzeitig gesünder essen wollen, kann gerade diese Haltung Orientierung bieten.
Der Wandel des Essverhaltens zeigt: Die Menschen bewegen sich in Richtung Bio – oft ohne es bewusst so zu nennen. Weniger Fleisch, mehr Pflanzen. Weniger Zusätze, mehr Handwerk. Weniger Anonymität, mehr Regionalität.
Der Ernährungsreport macht deutlich, wie groß die Übereinstimmung zwischen gesellschaftlichem Wandel und dem ist, wofür der Bio-Fachhandel steht. Und er macht ebenso klar, wo der Bio-Sektor seine Chance hat: in Sortimentsbausteinen, die den Alltag erleichtern; in Bio-Convenience, die nicht konventionell schmeckt; in einer großen Auswahl an Frisch-Produkten und kleiner Gastronomie, die das Bedürfnis nach gesundem Essen außer Haus bedienen; in Kommunikation, die nicht belehrt, sondern begleitet.
Doch im Report findet sich auch eine Leerstelle: Wo und wie unterscheiden sich Einkaufsstätten?
Bioläden sind kein Nischenphänomen, sondern ein notwendiges Korrektiv in einer zunehmend konzentrierten Handelslandschaft. Sie sorgen für regionale Wertschöpfung, faire Produzentenpreise, echte Alternativen zu Einheitsware und dafür, dass die Trends, die der Ernährungsreport beschreibt, überhaupt gelebt werden können.
Wenn Verbraucher*innen mehr Regionalität wollen, brauchen sie Händler*innen, die sie anbieten.
Wenn sie nachhaltigere Produkte wünschen, brauchen sie Hersteller*innen, die dafür faire Rahmenbedingungen finden.
Wenn sie Orientierung suchen, brauchen sie Orte, die sie nicht mit Werbeclaims, sondern mit Wissen empfangen.
Bioläden sind solche Orte. Auch das Gutachten der Monopolkommission zeigt, wie wichtig es ist, sie politisch und wirtschaftlich abzusichern. Denn die Esskultur der Zukunft entsteht nicht nur in den Küchen der Menschen. Sie entsteht auch dort, wo sie einkaufen.
Exklusiv für unsere Mitglieder haben wir die Food Trends 2026 analysiert und zeigen, welche Chancen sie dem Bio-Fachhandel in einem Jahr der Neuausrichtung eröffnen.
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