„Viele Ziele, kaum konkrete Maßnahmen: Mehr Verbindlichkeit für Bio“

08. Februar 2024 Aktuelles Position Stellungnahme

© Darstellung vom Bundesministerium für Ernährung und LandwirtschaftDie grafische Darstellung zeigt den Prozess zur Entwicklung einer Ernährungsstrategie durch die Bundesregierung. Ab 2025 sollen die ersten Maßnahmen umgesetzt werden.

Stellungnahme des Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) e.V. zur Ernährungsstrategie der Bundesregierung „Gutes Essen für Deutschland“

Vorbetrachtung

Als engagierte Vertretung von Unternehmen im Bereich der Bio-Lebensmittelproduktion und des Bio-Handels freuen wir uns, Stellung zur aktuellen Ernährungsstrategie der Bundesregierung „Gutes Essen für Deutschland“ zu nehmen. Während des gesamten Prozesses zur Erarbeitung dieser Strategie hat sich der BNN vehement für mehr Verbindlichkeit im Bereich „Bio“ eingesetzt und daher begrüßen wir grundsätzlich die Ausrichtung der Strategie, die eine Stärkung einer umweltorientierten Ernährungspolitik und die Förderung der Ökologisierung der Land- und Lebensmittelwirtschaft vorsieht. Diese Ziele entsprechen den zentralen Anliegen und dem Engagement unserer Mitglieder für eine nachhaltige und verantwortungsvolle Lebensmittelwirtschaft.

Wir sind überzeugt, dass eine stärkere und klar definierte Verpflichtung zu ökologischen Standards und Praktiken entscheidend ist, um die angestrebten Ziele der Ernährungsstrategie zu erreichen und eine echte Transformation in der Lebensmittelwirtschaft zu bewirken.

Obwohl die Strategie einen positiven Schritt in die richtige Richtung darstellt, betonen wir die Notwendigkeit, dass Mut und verbindliche Maßnahmen erforderlich sind, um die ehrgeizigen Ziele zu verwirklichen. Die Umstellung auf eine nachhaltigere Lebensmittelproduktion erfordert konkrete, umsetzbare Maßnahmen und eine entschlossene politische Führung. Dies beinhaltet nicht nur die Förderung des ökologischen Landbaus, sondern auch die Unterstützung nachhaltiger Verarbeitungs- und Vermarktungspraktiken für Bio-Lebensmittel.

In unserer Stellungnahme gehen wir konstruktiv auf die verschiedenen Aspekte der Strategie ein und unterbreiten konkrete Vorschläge, um die Ernährungsstrategie der Bundesregierung in eine effektive und wirkungsvolle Richtung zu lenken. Unser Ziel ist es, einen Beitrag zu leisten, der die Ernährungsstrategie von einer ambitionierten Vision hin zu einer greifbaren, realen Veränderung für eine nachhaltige Zukunft führt.

Erhöhung des Bio-Anteils in der Außer-Haus-Verpflegung

Der BNN begrüßt das Ziel der Bundesregierung im Rahmen der Ernährungsstrategie „eine bedarfsgerechte, ausgewogene und nachhaltige Gemeinschaftsverpflegung auf Basis der DGE-Qualitätsstandards“ zu erzielen. Auch wir sehen in der Erhöhung des Bio-Anteils in der Außer-Haus-Verpflegung (AHV) eine zentrale Stellschraube für eine langfristige Transformation der Ernährung in Deutschland hin zu mehr Nachhaltigkeit. Doch ohne konkrete Maßnahmen und verbindliche Ziele ist es fraglich, ob diese Stellschraube effektiv genutzt werden kann.

Aus Sicht des BNN sollte ein Mindestanteil von Bio-Lebensmitteln in der Schul- und Kitaverpflegung von 30 Prozent als verbindlich festgelegt werden - so wie es auch in vorangegangenen Fassungen der Ernährungsstrategie bereits festgehalten wurde.

Das grundsätzliche Ziel der Bundesregierung von 30 Prozent Bio in der Fläche und entlang der Wertschöpfungskette ist sinnvoll und notwendig. Doch hier braucht es dringend einen konkreten Maßnahmenkatalog von Regierungsseite, wie diese Zielmarke bis 2030 erreicht werden kann. Diesbezüglich wäre auch eine verbindliche Vorgabe für die Erreichung des 30 Prozent Bio-Anteils in Kantinen der Bundesverwaltung bis 2030 eine logische Konsequenz. Stattdessen gibt die Ernährungsstrategie lediglich den Zielwert von 20 Prozent bis 2025 an, wird jedoch unkonkret, wenn es darum geht, bis wann der 30 Prozent Bio-Anteil erreicht werden soll. Für die konkrete Unterstützung bei der Ausweitung des Bio-Anteils und der Beschaffung von Kita- und Schulverpflegung steht unter dem Dach des BNN ein Netzwerk des regionalen Bio-Großhandels bereit.

Bio sollte im Rahmen der regelmäßigen Aktualisierung der DGE-Qualitätsstandards als fester Bestandteil der DGE-Standards implementiert werden. Das hat auch der Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ in seinen Empfehlungen an den Bundestag vorgeschlagen, indem Bio-Lebensmittel dort als Grundnahrungsmittel kategorisiert werden.

Nachhaltigkeitskennzeichnung

Mehr als die Hälfte der EU-Bürger*innen wünschen sich Angaben zu den Umweltauswirkungen ihrer Lebensmittel. Aus Sicht des BNN hat eine Nachhaltigkeitskennzeichnung von Lebensmitteln das Potenzial, den Verbraucher*innen leichter zu vermitteln, welche Umweltauswirkungen die Herstellung ihrer Lebensmittel verursacht. Als Vertretung der Bio-Branche unterstützen wir grundsätzlich jegliche Bemühungen für eine sinnvolle Nachhaltigkeitskennzeichnung, welche insbesondere extensive Formen der Landwirtschaft, die Boden, Luft und Wasser schonen, positiv berücksichtigen.

In der Ernährungsstrategie der Bundesregierung wird in erster Linie auf die Herausforderungen verwiesen, die eine Nachhaltigkeitskennzeichnung scheinbar schwierig macht. Begründet wird dies zum einen mit der grundsätzlichen Komplexität des Themas und zum anderen mit einer mangelnden Datenlage zur Bewertung von Nachhaltigkeitskriterien.

Aus Sicht des BNN ist eine Nachhaltigkeitskennzeichnung von Lebensmitteln machbar. Das zeigt bereits der in Frankreich entwickelte Planet-score, der in der Lage ist, eine umfassende und zugleich transparente Bewertung von Lebensmitteln vorzunehmen. Zudem gibt es mit der französischen Agribalyse eine Referenzdatenbank mit Indikatoren für die Umweltauswirkungen von in Frankreich erzeugten landwirtschaftlichen Produkten, auf der eine europäische Datenbank aufbauen könnte.

Bei der Entwicklung geeigneter Methoden für ökologische Kriterien müssen extensive Formen der Landwirtschaft, die Boden, Luft und Wasser schonen, positive Berücksichtigung finden. Diese Methoden dürfen im Lebensmittelbereich nicht rein effizienzbasiert bzw. ertragsorientiert sein.

Zugleich unterstützt der BNN die in der Ernährungsstrategie bekundete Absicht der Bundesregierung, die Entwicklung geeigneter Methoden zur Darstellung ökologischer Kriterien entlang der Lebensmittelwertschöpfungskette weiterhin voranzutreiben.

Aufbau von Bio-Wertschöpfungsketten

Wir begrüßen ausdrücklich die Initiative des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), neue und bestehende Bio-Wertschöpfungsketten zu unterstützen. Die Förderung von Regionalmanager*innen, Weiterbildungen, Beratungen und Veranstaltungen zur Initiierung von Bio-Wertschöpfungsketten sind wichtige Schritte, um die Bio-Landwirtschaft in Deutschland weiterzuentwickeln und zu stärken.

Ebenso positiv sehen wir die Förderung von Forschungs- und Entwicklungsvorhaben im Bereich der Bio-Wertschöpfungsketten durch das BMEL im Rahmen des BÖL. Dies zeigt eine klare Verpflichtung, die ökologische Landwirtschaft und den nachhaltigen Konsum in Deutschland zu fördern und weiterzuentwickeln.

Allerdings möchten wir betonen, dass zur Schaffung wirklich zukunftsfähiger Bio-Wertschöpfungsketten mehr erforderlich ist. Ein wesentlicher Aspekt, der unserer Meinung nach stärker in den Fokus gerückt werden sollte, ist der Aufbau von Bio-Verarbeitungsstrukturen. Die Verarbeitung ist ein kritischer Teil der Wertschöpfungskette, der oft übersehen wird. Ohne angemessene Verarbeitungsstrukturen können Rohstoffe nicht effizient in hochwertige Bio-Produkte umgewandelt werden, was den gesamten Sektor beeinträchtigt.

Die Entwicklung von Bio-Verarbeitungsstrukturen würde nicht nur die Wertschöpfungskette stärken, sondern auch neue Arbeitsplätze schaffen, lokale Wirtschaftskreisläufe fördern und die Nachhaltigkeit der Bio-Produktion insgesamt erhöhen. Darüber hinaus würde sie die Abhängigkeit von importierten Bio-Produkten verringern und somit zu einer größeren Ernährungssouveränität Deutschlands beitragen.

Wir empfehlen daher, dass das BMEL spezielle Initiativen und Förderprogramme entwickelt, die sich auf den Aufbau und die Verbesserung von Bio-Verarbeitungsanlagen konzentrieren. Dies könnte beispielsweise durch finanzielle Anreize, technische Unterstützung oder die Förderung von Kooperationen zwischen landwirtschaftlichen Betrieben und Verarbeitungsunternehmen geschehen.

Attraktivität des Lebensmittelhandwerks steigern, Bio-Verarbeitung und Handel stärken

Wir begrüßen und unterstützen nachdrücklich die Absicht der Bundesregierung, die Attraktivität des Lebensmittelhandwerks zu steigern, indem praxisorientierte Angebote für Fachkräfte in der gesamten Ernährungswirtschaft zu Trends, Chancen und Herausforderungen in der Verarbeitung von ökologisch erzeugten Rohstoffen gefördert werden. Die gezielte Ansprache von Auszubildenden ist ein grundsätzlich wichtiger Schritt, um langfristig eine Veränderung in der Branche zu ermöglichen.

Allerdings möchten wir darauf hinweisen, dass die in der Strategie genannten Maßnahmen in ihrer aktuellen Form zu unspezifisch sind. Um eine tiefgreifende und nachhaltige Wirkung zu erzielen, ist es entscheidend, dass "bio" als Thema fest in den Ausbildungslehrplänen der betroffenen Branchen (z.B. Gastronomie) verankert wird. Der Umgang mit ökologisch erzeugten Rohstoffen sollte nicht als separates oder ergänzendes Modul betrachtet werden, sondern als integraler Bestandteil der gesamten Ausbildung.

Durch die Integration von Bio-Themen in die Curricula der Ausbildungen in Küchenfachberufen, Bäckereien, Konditoreien, Fleischereien, Molkereien und Käsereien kann sichergestellt werden, dass der Umgang mit Bio-Produkten zu einer Selbstverständlichkeit im Lebensmittelhandwerk wird. Dies würde nicht nur das Bewusstsein und die Fachkenntnisse der zukünftigen Generationen von Lebensmittelhandwerkern stärken, sondern auch eine konsistente und qualitativ hochwertige Verarbeitung von Bio-Produkten in der gesamten Branche fördern. Dies könnte durch Partnerschaften mit bestehenden Bio-Betrieben ergänzt werden, um praktische Erfahrungen und Einblicke in die Branche zu gewährleisten.

Zusammenfassung

1. Forderung nach Konkretisierung:

Der BNN unterstützt die Ziele der Ernährungsstrategie zur umweltorientierten Ernährungspolitik und Ökologisierung der Land- und Lebensmittelwirtschaft, fordert jedoch stärkere Verbindlichkeit und konkrete Maßnahmen.

2. Verbindliche Ziele für Bio-Anteil notwendig:

Trotz des positiven Ziels, den Bio-Anteil in der Außer-Haus-Verpflegung zu erhöhen, kritisiert der BNN das Fehlen verbindlicher Vorgaben und konkreter Umsetzungspläne.

3. Nachhaltigkeitskennzeichnung als wichtige Maßnahme:

Der BNN sieht das grundsätzliche Potenzial einer Nachhaltigkeitskennzeichnung für Lebensmittel, um Verbraucher*innen für die Umweltauswirkungen von Lebensmitteln zu sensibilisieren. Voraussetzung einer sinnvollen Kennzeichnung muss allerdings die positive Berücksichtigung extensiver Formen der Landwirtschaft sein, die Boden, Luft und Wasser schonen.

4. Ausbau der Bio-Wertschöpfungsketten erforderlich:

Wir begrüßen die Unterstützung des BMEL für Bio-Wertschöpfungsketten, betonen aber die Notwendigkeit des Ausbaus von Bio-Verarbeitungsstrukturen für eine nachhaltige Entwicklung.

5. Integration von Bio-Themen in Ausbildungen:

Der Verband empfiehlt, Bio-Themen fest in die Ausbildung in Lebensmittelhandwerksberufen zu integrieren, um das Bewusstsein für Bio und die entsprechenden Fachkenntnisse zukünftiger Generationen in den betroffenen Branchen zu stärken.

Insgesamt befürwortet der BNN die Absichten der Bundesregierung, sieht jedoch einen dringenden Bedarf an konkreten Maßnahmen und verbindlichen Vorgaben, um die ambitionierten Ziele der Ernährungsstrategie tatsächlich zu erreichen. Wir möchten daher unsere Bereitschaft betonen, eng mit der Bundesregierung und anderen Stakeholdern zusammenzuarbeiten, um diese Ziele zu erreichen. Wir sind überzeugt, dass durch gemeinsame Anstrengungen die ökologische Land- und Ernährungswirtschaft in Deutschland nachhaltig gestärkt werden und die Verbraucher*innen davon profitieren.

Berlin, 31. Januar 2024

Gemeinsam mit unseren Mitgliedern stehen wir Ihnen gerne für fachlichen Austausch, Rückfragen und Erörterungen zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich hierfür an:

Kathrin Jäckel (Geschäftsführerin BNN) | jaeckel@n-bnn.de | Tel. +49 (0) 30 847 12 24 40
Ulrike Schaal (Leitung Bereich Nachhaltigkeit) | schaal@n-bnn.de | Tel. +49 (0) 30 847 12 24 46
Hans F. Kaufman (Leiter politische Kommunikation) | kaufmann@n-bnn.de | Tel. +49 (0) 30 847 12 24 51

Hier können Sie die BNN-Stellungnahme als PDF herunterladen.